Interview

Gleis 22 - Sex gab es dort auch schon mal...

Gleis 22

Sex gab es dort auch schon mal...

Das GLEIS 22 ist in Münster DER Anlaufpunkt für Leute, die Lust auf tolle Indie Musik, nette Atmosphäre und spannende Konzerte haben. FRANK DIETRICH, Ansprechpartner und Mitglied des Organisationsteams rund ums GLEIS 22, hat uns einen Einblick gegönnt, wie es so in Münsters Favourite Club zugeht, und bitte:

BIZARRE RADIO: Erste Frage zum Einstieg: Seit wann existiert das GLEIS 22 schon und gibt es ein bestimmtes Motto, das einheitlich für die Arbeit des Clubs gilt?

Das GLEIS 22 gibt es seit knapp 17 Jahren. Früher war der Club nur halb so groß wie heute und viele Konzerte fanden auch im Obergeschoss des JIB bei den legendären Warehouse oder Aardvaark Parties statt. Ein einheitliches Motto in dem Sinne gibt es nicht. Was alle Veranstaltung eint: Es wird nur das veranstaltet, was persönlich gefällt und das abseits des Mainstream.

BR: Das GLEIS 22 ist ja offiziell das Cafe des Jugendinformations- und Beratungszentrum (JIB). Das heißt neben den Parties und Konzerten, die ihr veranstaltet, gibt es auch tagsüber ein bestimmtes Programm für Jugendliche. Kannst du uns dazu ein paar Sätze sagen, ihr habt ja glaube ich auch Probenräume im Keller, oder?

Da gibt es natürlich eine Menge Angebote. Von Fahrradwerkstatt bis Proberäume. Von Atelier bis Holzwerkstatt, von Krisenberatung bis Au Pair Vermittlung. Nähere Infos findet man unter www.muenster.de/stadt/jib

BR: Wenn ihr ein Konzert veranstaltet, welche Aufgaben übernimmst du dann im Organisationsprozess und welche Aufgaben werden von den anderen Mitarbeitern übernommen?

Ich buche praktisch sämtliche Konzerte. Bis auf die Record Riot Shows, die von Markus Schmauck veranstaltet werden, der aber auch Teil des Konzertteams ist. Ich schließe die Verträge, kümmere mich um die Hotels, sorge für umfangreiche Werbung (Programmheft und Internet (www.gleis22.de). Das Konzertteam besteht aus ca. 15 Mitarbeitern. Die Organisation der einzelnen Konzerttage wird in einer monatlichen Teamsitzung besprochen. Zwischen 4 und 6 Personen + Techniker arbeiten pro Show.

BR: Der geneigte Musikliebhaber erscheint meist so zwischen 20.00 Uhr und 21.00 Uhr am Gleis. Wie viel Zeit- und Organisationsaufwand habt ihr als Veranstalter da schon hinter euch?

Wir starten meistens gegen 15 Uhr mit dem Catering und dem Soundcheck und enden meist spät in der Nacht mit dem großen "Kehraus"

BR: Das Live Programm im Gleis ist sehr bunt gemischt, es gibt so ziemlich alles zwischen Hardcore und Elektro. Habt ihr bestimmte Kriterien, nach denen ihr die Bands aussucht, die bei euch spielen und gibt es bestimmte Musikrichtungen, die im Gleis gar keine Chance hätten?

In aller erster Linie müssen uns die Bands persönlich gefallen. Unsere Schwerpunkte liegen sicher auf Indierock (ein weites Feld zwischen Powerpop und Mathrock), Punkrock und Ska. Das Programm entsteht aus einer Mischkalkulation von Bands die keiner kennt, die wir aber bekannt machen wollen = Finanzielle Verluste, und sicheren Bands die eingeführt sind und die wir mögen = Gewinne. Grundsätzlich arbeiten alle Mitarbeiter des Gleis 22 ehrenamtlich. Diese Tatsache beschert den Gästen wohl auch das bunte und unkommerzielle Angebot.

BR: Der Sound im Gleis gilt als außergewöhnlich gut. Mir sind zwei Konzerte von KETTCAR und ELLIOTT in Erinnerung, bei denen man wirklich jeden Ton jedes Instruments und des Gesangs heraushören konnte. Wie stellt ihr es an, dass der Sound so konstant gut ist, habt ihr eine feste PA, die von allen Bands genutzt wird, oder bringen alle Bands ihre eigenen Sound-Utensilien mit, wie hat man sich das vorzustellen?

Das hört man natürlich gerne. Wir haben eine ausgezeichnete eigene PA und in Holger Behr und Tobi Pälmke zwei Weltklasse Tontechniker. Häufig bringen die Bands natürlich auch Ihre eigenen Soundleute mit.

BR: Als Club habt ihr sehr oft Bands, die Abseits des Mainstream spielen, im Programm. Da kommt es bestimmt auch mal zu sehr skurrilen Auftritten. Ist dir ein besonders spektakulärer in Erinnerung geblieben?

Puh, so spontan ist die Frage schwer zu beantworten. Es gab schon Bands die nackt gespielt haben. Ein Sänger aß Blumen auf der Bühne. Der Lightning Beatman veranstaltete eine Originale Wrestling Show im Gleis. Mit Masken und allem Pipapo! Eine holländische Band spielte in einem Dreieck über den ganzen Raum des Gleis verteilt. Es gab auch unschöne Sachen wie z.B. eine Schlägerei zwischen Tav Falco und einem Soundmann. Der Gore Sluts (Deus Ableger) Sänger hat seine Mitmusiker verprügelt und wollte in der Privat Unterkunft den Fernseher aus dem Fenster schmeißen. Aber im großen und Ganzen sind die meistens Bands sehr freundlich und umgänglich!

BR: Stichwort Backstage: kannst du vielleicht ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern, ob sich eine Band hinter der Bühne vielleicht durch besonders komische Aktionen hervorgetan hat?

Fällt mir spontan nur Guided By Voices ein, die nach einer umwerfenden Show Backstage in die Colaflaschen pissten! Sex gab es dort auch schon mal! Aber ich verrate nicht wer es war!

BR: In der Diskussion um die aktuelle Misere der Plattenindustrie wurde eine Zeit lang gesagt, dass die Leute nun verstärkt ihr Geld in Live-Konzerte investieren würden. Daran ist ja sicherlich was wahres dran, da man die Eindrücke eines Konzertes nicht auf einen Rohling brennen kann. Könnt ihr vom GLEIS 22 als Konzertveranstalter eine solche Entwicklung auch erkennen und wie sieht es generell mit den Besucherzahlen bei euch aus?

Mmmmhhh, schwierige Frage! Die Leute sind nicht mehr so neugierig wie noch vor zehn Jahren, wo du bei den unbekanntesten Bands immer mit mindestens 100 Gästen rechnen konntest. Aber in den letzten 2 Jahren ist ein deutlicher Aufwärtstrend zu erkennen!

BR: Glaubst du, dass Münster als Studentenstadt ein besonders gutes Pflaster für Konzerte grad im Indie Bereich bietet? Neben dem Studenten als potentiellen Konzertgänger hat Münster ja in Sachen Musik mit zahlreichen Clubs und Plattenläden auch
generell einiges zu bieten. Wie siehst du das?

Schwierige frage. mit Sicherheit haben wir durch den Studentenstadt-Status einen guten Zulauf. aber gerade in ms gilt auch häufig: "was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht". Die Infrastruktur in Sachen alternativer Musik ist allerdings schon eine sehr Gute. Z.B. liegt ja der "beliebteste" Club Deutschlands fast Tür an Tür mit dem besten Platenladen des Landes: Green Hell :-) (www.greenhell.de)

BR: Was denkst du, macht den Reiz an einem Konzert in eher kleinem Rahmen aus? Gehst du privat ebenfalls noch oft auf Konzerte außerhalb des Gleis und dann auch mal zu Shows in größeren Hallen?

Bei kleinen Shows kommt einfach ein viel besseres Livegefühl auf, als bei Festivals und in großen Hallen. Das Ganze ist halt viel persönlicher! Ich selber gehe ebenfalls sehr selten zu Großveranstaltungen, sondern besuche
eher andere -oft befreundete- Clubs.

BR: Zu euren Parties: 2003 wurde das GLEIS 22 von den Leser der SPEX zum besten Club im deutschsprachigen Europa gewählt. Thees Uhlmann von TOMTE sagt über die “Infectious Grooves“ Party: Die weit und breit beste Indie Party! Was denkst du macht das Besondere an den Parties im Gleis aus?

Genau wie bei den Konzerten, geht es den Partymachern darum unbekannte und frische Bands nahe zu bringen. Die Leute wissen einfach zu schätzen, das sie bei uns merken können: "Die Veranstaltungen kommen aus dem Herzen. Es geht halt nicht um reines "Kohle machen"

BR: Angenommen jemand erzählt dir, dass er ab morgen auch Konzerte und Parties in seinem neuen Club veranstalten will. Was rätst du ihm, welches sind die wichtigsten Dinge, die man bedenken muss und was sind die absoluten Don`ts, die man tunlichst vermeiden sollte.

Immer sein eigenes Ding machen!!! Ein breitgefächerter Musikgeschmack ist super wichtig. Bei Gagenverhandlungen immer vorsichtig sein, aber die Bands auch nie abzocken!

BR: Zum Schluss noch die Frage danach, für welche Art von Musik dein Herz persönlich schlägt. Welches sind deine 5 aktuellen Lieblingsplatten, welches war das für dich persönlich beste Konzert in diesem Jahr und auf welches Highlight der kommenden Wochen und Monate freust du dich?

Mein Herz schlägt für Powerpop und US-Indies. Meine Favoriten in diesem Jahr waren eindeutig Broken Social Scene, TV On The Radio und die göttlichen Shins. Das Highlight des Jahres ist natürlich die Indielegende The Fall am 5.10. und Idaho im Dezember!

Platten:

Local Boys - Demos
Rooney - Same
Vinyl Candy - Pacific Ocean Park
Warsawpack - Stocks & Bombs
TV On The Radio - Desperate Youth, Blood Thirsty Babes
Idaho - Vieux Carré
Challenger - Give People What They Want In Lethal Doses
Meanwhiles - The Night Rewind
Brian Deer - Black Cloud Talk
The Shins - Chutes Too Narrow

Bogatzke 14.09.2004

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